Mörderhatz mit kleinen Hindernissen


 Spielbericht und Kritik zu „Krimi total – Die Party der Intrigen“ (enthält keine nennenswerten Spoiler)

Ein Beitrag aus der Reihe „Kellergeflüster“

Mord und Totschlag im Hause Borbonus/Bader! Intrigen, Lügen und Verrat! Eine Leiche schwimmt im Pool und die Polizei ist im Haus! Was für ein Drama! Natürlich war alles nur gespielt. Denn zu meinem Geburtstag konnte ich jüngst endlich einmal die Krimi Dinner Party von „Krimi total“ ausspielen. Das Konzept hat ja bereits so manchen Preis abgestaubt, darunter den begehrten RPC Fantasy Award. Dabei ist das Spiel nicht nur für Rollenspieler geeignet.

 Mir lag das siebte und aktuellste Spiel der Krimi-total-Reihe vor: „Die Party der Intrigen“. Der Hintergrund ist schnell erzählt: Der Gastgeber (Christian Schlüter, meine Wenigkeit) lädt eine Reihe von so genannten „Freunden“ und Bekannten in eine angesehene Nobelvilla ein. Gegen Mitternacht wird plötzlich die Leiche des allseits beliebten Partygastes Leon von Hohenstein tot im Whirlpool gefunden. Der Mörder kann eigentlich nur einer der Partygäste gewesen sein! Die Polizei wird informiert; eine Inspektorin taucht am Tatort auf. Während die Spurensicherung noch zugange ist, spekulieren die Gäste darüber, wer wohl der Mörder war. Und allmählich kommt heraus: Im Grunde hatten alle ein Mord-Motiv, denn so beliebt war Leon offenbar doch nicht…

Also, eine klassische Mörderhatz, ein „Who dunnit“, wie es die Engländer sagen würden – „Wer hat’s getan?“ Das Krimi Dinner stellt leider schon eine erste Hürde bei den Vorbereitungen. Denn es müssen exakt 8 (maximal 9) Gäste sein, die an dem Event teilnehmen. Und weil die Rollen fest vorgeschrieben sind, kann man an ihnen nichts ändern. Vor allem das Geschlecht muss stimmen: Spielt man mit 8 Personen, müssen es 4 Frauen und 4 Männer sein. Bei 9 Personen schlüpft ein Gast in die Rolle der Inspektorin Karla Fischer, die aber auch ein Mann (Karl A. Fischer) sein kann – das bringt einen Hauch Flexibilität ins Spiel. Dennoch: Bei meiner Party gab es leider 5 Jungs und 3 Mädels. Die Annahme, dass einer der männlichen Gäste bereit sein könnte, eine Frau zu spielen, erwies sich als falsch (obwohl alles erfahrene Rollenspieler waren). Nach einigem Hin- und Her haben wir das Problem auf konstruktive Weise gelöst. Die Idee, einfach ein schwules Paar zu etablieren, rächte sich dann etwa 2 Stunden nach Spielstart, als das Gerücht aufkam, die vermeintliche „Frau“ sei schwanger. Die Gruppe hat dann einfach „irgendwie“ weitergespielt, ohne das Thema anzusprechen.

Dabei stand der Spielspaß überhaupt auf Messers Schneide. Kurz vor Spielbeginn erreichte mich der Anruf, dass eine Teilnehmerin möglicherweise durch Krankheit ausfällt. Dadurch wäre die Runde nicht mehr spielbar gewesen. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei 8 Personen ein Gast ausfällt, durchaus hoch. Warum die Spielemacher hierzu keine Lösungsvorschläge machen (indem man z.B. dem Gastgeber verschwiegen andeutet, welche Rolle zur Not wegfallen kann – das könnte man ja auf der ansonsten gut gepflegten Homepage www.krimitotal.de einrichten) ist mir ein Rätsel. Zum Glück besserte sich der Gesundheitszustand besagter Teilnehmerin dann noch, so dass das Spiel nicht abgesagt werden musste.

 Jeder Spieler erhält eine Charakterkarte mit den wesentlichsten Details (Beruf, Vorgeschichte, Infos über die anderen Gäste). Diese Karte, nebst einer schön gestalteten Einladungskarte, soll man eigentlich den Gästen 2 Wochen vor Partystart zukommen lassen. Angesichts der Schwierigkeiten, eine Party überhaupt in Gang zu bringen, erscheint mir diese Idee zwar schön und stilvoll – aber ansonsten völlig unverantwortlich! Denn dann ist es unmöglich, auf den letzten Drücker noch Ersatz für einen ausfallenden Spieler zu besorgen – die Charakterkarte ist ja auf dem Postweg abgedüst. Und weil die Karten schön „versiegelt“ wurden, kann man die Infos auch nicht vorher kopieren.

Um mein Fazit vorwegzunehmen: Bei den Vorbereitungen zur Party haben die Macher von Krimitotal echten Nachholbedarf! Ein Minuspunkt!

Wir haben die Charakterkarten  am Abend kurz vor Spielbeginn ausgeteilt – das war eigentlich kein größeres Problem, denn die grundlegenden Beschreibungen halten sich in Grenzen. Damit sich die Spieler eventuell entsprechend kostümieren könnten, habe ich vorher einfach per Telefon eine Kurzbeschreibung durchgegeben: „Du spielst einen Box-Profi“, „Du bist eine erfolgreiche Krimi-Autorin“ etc. Die Tatsache, dass alle Charaktere laut Rollenbeschreibung zwischen 19 und 25 Jahre alt waren (also aus meiner Sicht: Kids), habe ich verschwiegen. Aber die Altersvorgabe wirft doch ein bezeichnendes Spiel auf Macher und erwartetes Zielpublikum. In meiner Runde lag das Alter der Gäste zwischen 26 und 39. Mein Charakter (Christian Schlüter) sollte mit 25 ein erfolgreicher Immobilienmakler sein, meine Freundin war 19, der Kinostar 22, die reiche Mode-Designerin ebenfalls 22. Also bitte! Wie realistisch ist das denn? („O, Sie sind 22 und Filmstar. Sie haben ihren ersten Film vorletztes Jahr abgedreht, davor 3 Jahre Schauspielschule… Ach ja, Hauptschule ohne Abschluss, so, so…“). Ich tippe inzwischen auf einen  Tippfehler, denn die anderen Spiele der Reihe Krimi total setzen sich aus sehr viel älteren Charakteren zusammen (einmal sogar 75 Jahre).

Das Spiel selbst weiß durch etliche Pluspunkte wieder aufzuholen (so dass am Ende dennoch ein positives Ergebnis herauskommt). Die Krimi-Dinner-Party wird in Runden gespielt, wobei eine Runde immer aus neuen Hinweisen und der anschließenden Diskussion besteht. Eine Runde endet dann, wenn keiner der Spieler mehr Fragen hat. Jeder Spieler bekommt ein Hinweisheftchen, in denen die einzelnen Hinweise (nach Runden) sortiert sind. Logischerweise darf man die Hinweise immer erst beim Rundenstart lesen. Bei einigen Hinweisen fragt man sich freilich, warum einem das erst jetzt einfällt. Aber dieser grundlegende Mechanismus ist kaum änderbar, das sind eben die Regeln, die den wichtigen Spannungsbogen konstruieren (denn die Stimmung soll sich ja mit der Zeit immer mehr anheizen).

Die Hinweise sind ansonsten relativ gut balanciert und ausgewogen, so dass Stück für Stück neue Details (oft pikanter Natur) ins Spiel kommen. Einige Spieler beklagten sich darüber, dass nicht ganz klar war, wo sich ihr Alter Ego zum Zeitpunkt XY aufhielt. Dummerweise fehlen diese Zeitangaben ausgerechnet bei der Mörderfigur (die hier natürlich nicht verraten wird). Es ist schon etwas blöd, wenn man die eigenen Aufenthaltsorte der letzten Stunden nur dadurch in Erfahrung bringt, indem man andere Spieler fragt „Ey, weiß du, wo ich um 22.30 Uhr war?“. Außerdem scheinen die Spielemacher einige wesentliche Hinweise „vergessen“ zu haben. Als Gastgeber ging ich die ganze Zeit davon aus, dass wir uns in „meiner“ Villa befänden; dass sie aber nur angemietet war, erfuhr ich erst am Ende des Spiels…! (Kann aber auch sein, dass ich das in der Eile nur überlesen habe.)

Das Spiel kommt ohne „harten“ Regeln aus: Man fragt sich gegenseitig aus, erhebt Vorwürfe, spekuliert über Motiv und Mörder. Das läuft relativ flüssig und macht großen Spaß. Wir haben das ganze am Tisch ausgespielt, das hielt ich für das Vernünftigste. Denn die Regeln schweigen sich leider weitgehend über den eigentlichen Spielablauf aus. Aber es wird verlangt, dass alle Spieler alle Hinweise der anderen mitbekommen. Da fällt die klassische Liverollenspiel-Systematik (Grüppchenbildung, verschwiegene 4-Augen-Gespräche, Politik und Intrigen) aus.

Eine weitere wesentliche Tatsache ist, dass jeder Spieler (außer dem Mörder) unbedingt die Wahrheit sagen muss. Man kann sich über den eigenen Hintergrund zwar zurückhaltend äußern, aber was man über andere Personen erfahren hat, muss wahrheitsgemäß zur Sprache kommen. Eine durchaus verständliche Regel, denn würde man Gerüchte, Halbwahrheiten und absichtlichen Falschinformationen zulassen, wäre es völlig unmöglich, das Rätsel zu knacken und den Mörder zu stellen.

Die Mörderrolle ist übrigens nur dem Mörderspieler bekannt. Alle Karten und Heftchen im Spielumfang sind versiegelt – so dass auch der Gastgeber in den vollen Genuss einer Mörderstory kommen kann. In jeder Runde gibt es zudem Hinweise von der Spurensicherung. Nimmt Inspektorin Karla Fischer als Spielcharakter teil, trägt sie die entsprechenden Erkenntnisse vor. Ansonsten ist sie nur „Nichtspielercharakter“, und ihre Ergebnisse werden einfach laut vorgelesen (hat bei uns ganz gut geklappt).

Der Hauptteil des Spiels macht schon sehr viel Spaß. Da alles am Tisch ausgespielt wird (jedenfalls bei uns), bekommt man auch sämtlichen pikanten Details mit, die mit der eigenen Vorgeschichte nichts zu tun haben. Wenn es darum geht, Infos über andere Spieler mitzuteilen, kommt man aber leider manchmal in Erklärungsnöte („Warum soll ich die geheimen Infos über meinen vertrauenswürdigen Freund offen bekannt geben?“). Hier wäre es natürlich einfacher, wenn die Inspektorin mitgespielt hätte. Denn ihre Aufgabe wäre es gewesen, die Gäste Runde um Runde über ihre neuesten Hinweise auszufragen.

 Nach etwa vier Stunden hatten wir dann sämtliche 5 Runden durchgespielt. Langsam wurde es ruhig am Spieltisch, weil jeder darüber nachdachte, wen er in der anschließenden Anklagerunde als Mörder vorschlagen könnte. Die Indizien waren mehr als vage. Das ist wahrscheinlich Absicht: Denn wären mehr Infos auf den Tisch gekommen, hätte wohl jeder den Mörder richtig getippt (was ja ziemlich langweilig wäre). Am Ende waren die Meinungen dann auch grundverschieden.

Ich selbst (bzw. Christian Schlüter) bekam (knapp) die meisten Anklagestimmen – und so wurde ich abgeführt 😦

Aber ob ich auch der Mörder war?

Pluspunkte:

* Flüssiger Spielverlauf mit keinen „echten“ Regeln

* Sehr viel Kommunikation

* Gute Schauspiel- bzw. Rollenspielmöglichkeiten

* Keine „Regel“-Kenntnisse erforderlich

* Großer Spaßfaktor

* Umfangreiches kostenloses Zusatzmaterial auf der Homepage (z.B. Namensschilder, Sitzordnung)

Minuspunkte

* Schwierigkeiten bei den Vorbereitungen (hohe Absage-Gefahr!)

* Die Regeln hätten gut und gerne ein paar mehr Erläuterungen verdient

* Charakterinfos sind leider lückenhaft (Wo war ich zum Zeitpunkt XY?)

* Das Spiel ist nur einmal spielbar (das Material kann aber nach dem Spielen an Freunde weitergegeben werden)

* Relativ hoher Preis (19,95 Euro) – relativiert sich durch die Tatsache, dass die Verkaufszahlen wegen der einmaligen Spielbarkeit wahrscheinlich niedrig bleiben.

Aufmachung

In der stabilen „Videokassetten„-Plastikbox befinden sich Einladungskarten, Rollenkarten, Hinweisheftchen, drei Briefumschläge (Gerüchte, Anklagefragen, Lösung), eine nette Grundrisszeichnung der Villa (auf der leider die Toilette fehlt) und eine knappe Spielanleitung.

Fazit: Ein sehr schöner, kommunikativer Zeitvertreib, ideal geeignet für Feierlichkeiten wie Geburtstage etc., aber eventuell nur nach intensiver Vorbereitung spielbar. Die Aufmachung kann sicher nicht mit modernen Rollenspielbüchern oder Brettspielen konkurrieren, ist aber völlig ausreichend (und ich habe keine auffallenden Rechschreibfehler entdeckt). Allgemein hängt dem ganzen der Charme eines „Fan-Projekts“ an (was ich eigentlich sehr sympathisch finde), aber dafür ist der Preis deutlich zu hoch! Und ich bin davon überzeugt, dass einige zusätzliche Testspiele dem Spiel gut getan hätten (obwohl es insgesamt schon ganz gut ausbalanciert ist). Nach dem, was man im Internet liest, scheint die „Party der Intrigen“ aber auch eine der schwierigeren Krimi-Dinner-Spiele in der Krimi-total-Reihe zu sein; die anderen sind möglicherweise für Anfänger besser geeignet.

Spieltipps:

* Womöglich eignet sich der Einstieg mit einer der früheren Publikationen (z.B.: „Der Duft des Mordes“ oder „Im Schatten der Premiere„).

* Rollenkarten erst am Spielabend verteilen

* Wenn möglich 9 Gäste einladen! Dann kann man die Inspektorin besetzen oder ist für kurzfristige Absagen gewappnet.

* Ein Tipp mit leichter SPOILER-Gefahr: (!!!Sollte nur der Gastgeber oder die Inspektorin lesen!!!)

Wenn man die Lösbarkeit des Rätsels anheben möchte, kann am Ende von Runde 5 folgende Hinweise geben:

* Ein Motiv für den Mord hatten viele Gäste – damit lässt sich der Fall eventuell nicht lösen!

* Der Hergang der Tat (Uhrzeiten, Lokationen) dürften den Mörder zu Fall bringen…

Alternativ kann man diese Hinweise auch erst nach der Anklage anbringen. Die Inspektorin liest sich die Lösung durch; sind alle Spieler weit weg von der Wahrheit, werden noch einmal die Hinweise für eine zweite Anklagerunde ins Spiel geworfen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s