DSA: Vier Autoren verlassen das Team


Nacht der langen Messer beim „Schwarzen Auge“: Innerhalb von zwei Tagen hat das altehrwürdige deutschsprachige Rollenspielsystem vier Autoren verloren. Was ist passiert?

Ein Beitrag aus der Reihe „Kellergeflüster“ von Gastautor Volker Thies.

Offiziell gibt es nur eine schmallippige Pressemitteilung. Die Betroffenen haben auf diversen Internetplattformen etwas mehr verraten. Demnach hat Mario Truant, bei Lizenzinhaber-Verlag Ulisses für DSA zuständig, dem langjährigen Autoren Mark Wachholz (Aventurisches Arsenal, Unter dem Westwind, Am Großen Fluss…) am 18. August telefonisch mitgeteilt, dass die fünfköpfige Kernredaktion nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wolle. Er brauche in Zukunft nicht mehr für Ulisses und DSA zu schreiben. Als Gründe wurden unüberbrückbar auseinandergehende Meinungen darüber genannt, wie DSA sich weiterentwickeln soll.

Als Reaktion darauf warf auch der Autor Tyll Zybura (Angroschs Kinder, Land des schwarzen Bären…) die Brocken hin. Er werde nicht mehr an DSA weiterarbeiten, verkündete er. Auch Michelle (ehemals Chefin des Aventurischen Botens) und Ragnar Schwefel, altgediente DSA-Autoren und in der Vergangenheit mehrfach im Clinch mit der „Redax“, wollen nun nicht mehr mitmachen. Zudem haben andere DSA-Mitarbeiter, beispielsweise die Roman-Autorin Kathrin Ludwig ihr Missfallen über die Vorkommnisse geäußert.

Soweit das bisher Geschehene im groben Überblick. Was aber ist davon zu halten?  Ich denke, das Problem muss auf mindestens drei Ebenen betrachtet werden: der menschlichen, der firmenkulturellen und der DSA-strategischen.

1. Menschliche Umgangsformen

Einem langjährigen Mitarbeiter, und sei es ein freiberuflicher, sagt man nicht einfach am Telefon, dass er seine Sachen packen kann. Das ist unanständig. So einfach ist das.

2. Unternehmenskultur

Nehmen wir einmal an, es stimmt wirklich, dass es erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Mark Wachholz und der fünfköpfigen Kernredaktion (Thomas Römer, Patric Götz, Uli Lindner, Chris Gosse, Daniel Simon Richter) gegeben hat. Möglich ist das – und ich will auch erst unter Punkt drei erörtern, welche Berechtigung verschiedene Positionen haben könnten.

Bleiben wir einmal bei den Meinungsverschiedenheiten an sich. In diesem Fall ist es eine Frage der Unternehmenskultur, ob man sich an einen Tisch setzt, offen darüber diskutiert, nach Lösungen und Kompromissen sucht.

Dann kann es durchaus zu dem Ergebnis kommen, dass eine solche Lösung nicht machbar ist. Bleibt es auf Dauer dabei und keine Seite will sich der anderen unterordnen, dann ist es vermutlich richtig, getrennte Wege zu gehen, ob nun freiwillig oder durch den Rausschmiss des oder der betroffenen Mitarbeiter. Aber dann (siehe Punkt eins) sollte der Entscheidungsträger, egal ob Redax-Kollektiv oder Dienstvorgesetzter, auch „den Arsch in der Hose haben“ dem geschassten Mitarbeiter von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten.

Ob die offene Debatte im aktuellen Fall von DSA stattgefunden hat, wird von außen keiner bewerten können und wenn man die Betroffenen fragt, werden vermutlich höchst unterschiedliche Auffassungen herauskommen.

3. DSA-Strategie

Knapp zusammengefasst und grob vereinfacht geht es im Streit zwischen der „Wachholz-Fraktion“ einerseits und der Kernredaktion sowie dem Verlag andererseits wohl darum, wie wichtig die Entwicklung des so genannten Metaplots der Welt Aventurien für DSA ist. Wie bestimmend ist die Fortentwicklung der aventurischen Weltgeschichte für weitere Veröffentlichungen, insbesondere von Abenteuern? Wie stark soll diese Entwicklung von offiziellen Publikationen vorbestimmt und eingegrenzt werden? Wohin soll diese Entwicklung überhaupt führen? Hier kann man gut begründet mehrere Positionen vertreten.

Ja, Aventurien ist eine wundervolle Welt, weil sie zwar ein Fantasy-Universum darstellt, aber nach dem historiografischen, soziologischen und psychologischen Verständnis unserer Realität so stimmig ist, wie dies für eine Rollenspielwelt wohl überhaupt nur machbar ist. Ein wahres Labsal gegenüber den oft sehr krude zusammengeschusterten Settings fast aller anderen Rollenspiele. Es macht einfach unglaublichen Spaß, der Entwicklung einzelner Handlungsstränge zu folgen, selbst wenn man nicht aktiv spielt.

Auf der anderen Seite engt dieses Verständnis der Welt das Spiel natürlich auch ein. Immer wieder stößt man an die Grenzen der „offiziellen“ Beschreibung, über die sich eine Spielrunde natürlich hinwegsetzen kann. Gerade bei längeren Kampagnen stört dies aber.

Tatsächlich ärgerlich wird die stark vorgegebene DSA-Welt dort, wo Spielmaterial erscheint, das zwar eine wichtige Rolle für das Voranschreiten des Metaplots spielt, aber den wenigsten Rollenspielrunden Freude bereiten dürfte. Mein Lieblings-abschreckendes-Beispiel dafür ist das Abenteuer „Die Wandelbare“, das mit Zeitreisen und der Verwandlung zu Echsenmenschen wirklich nur einen sehr speziellen Rollenspielertypus anspricht. Bodenständige Abenteuer, in denen Helden nur einfach so Helden sein dürfen, ohne dass sie gleich ins Gehege der Metaplots geraten, sind selten geworden: Einfach die Jungfer retten, Räuber, Orks und Schwarzmagier vertrimmen, alles natürlich mit dem wundervollen Aventurien-Flair, – das ist außerhalb von Abenteuer-Anthologien und Einsteiger-Abenteuerserien Mangelware geworden. Schade!

4. Fazit

Schön wäre es, wenn DSA eine Balance zwischen der stimmigen und spannungsvollen Weiterentwicklung der Welt und dem gehörigen Anteil an Brot-und-Butter-Abenteuer fände. Noch schöner wäre, wenn dies ohne Hauen und stechen unter Autoren und Fans gelänge. Doch dafür scheint es leider schon zu spät zu sein.

(Edit:) Aktueller Hinweis: Auch Katharina Pietsch (Das Vermächtnis der Völker) hat inzwischen ihre Mitarbeit bei DSA beendet.

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6 Kommentare zu “DSA: Vier Autoren verlassen das Team”

  1. Ich finde diese Kritik unangebracht, die hättest Du persönlich vortragen sollen… (Mal so als Hinweis darauf, warum freie Mitarbeiter meist per Telefon gekündigt werden.)

  2. Ich schätze mal, es ist eines der Hauptprobleme, dass die Leute von Ulisses und ihre Mitarbeiter sich nicht oft genug persönlich unterhalten haben. Dann wäre es vermutlich auch nicht so weit gekommen.

  3. So etwas wie unangebrachte Kritik gibt es nicht. Sie ist per Definition immer angebracht – aus Sicht des Kritikers. Dass sie online gestellt wurde, halte ich ebenfalls für gut und richtig. Vier, nein fünf, Autoren verlassen „über Nacht“ das Team des wohl renommiertesten ur-deutschen Rollenspiel-Labels. Eine solche einschneidende Veränderung soll nicht in der Öffentlichkeit diskutiert werden? Na, wo leben wir denn…?

  4. Ich musste schallend lachen, als ich deine „Zweit-Überschrift“ gelesen habe. Danke allein dafür. Ansonsten eine interessante Zusammenfassung.

    Ich muss zugeben, ich verfolge das ganz auch mit einer gewissen Häme – als Kind der 80er und damit aufgewachsen im geistigen Krieg zwischen AD&D und DSA möge mir das verziehen werden. Totzdem hoffe ich, dass es nicht ein Böses Ende nimmt. Viele DSA Spieler sind nicht weniger Grognards, als die zahllosen Greyhawk Anhänger in den USA. Und da kann so unbedachtes Verlagshandeln schnell zu Kaufboykott führen…

  5. Also meine „Kontakte“ zur DSA-Redaktionsmitgliedern bzw. Redakteuren und Umkreis sind inzwischen schon viele Jahre her, aber schwelende Konflikte gab es damals schon genügend.

    Die Meldung überrascht mich nicht, allerdings die Breite der Aktion. Leute die nach Jahren „hingeschmissen“ haben habe ich erst vor kurzen getroffen.

    Ich vermute das die „Professionalisierung“ der Besitzer den Druck auf die Schaffenden erhöht hat. Zumindest kamen die Sessions auf Cons von und mit Thomas Römer bei mir so an. Irgendwie war da immer ein Offizieller vom Verlag mit dabei der sonst nichts gesagt hat.

    Aus der LARP Sicht hatte ich den Eindruck der Kontakt zur Basis, also den Spielern und deren Bedeutung hat gelitten – aber das ist auch schon mind. 5Jahre her, ich bin da ausgestiegen.

    Das gerade im Rollenspielbereich Menschen Probleme mit Kritik haben, also Künstler, Kreative, Redakteure etc. finde ich bereits maßlos eitel. Solche Menschen sollten sich über jeden Einzelnen freuen der sich die Arbeit macht und sich mit der Materie auseinander setzt. Natürlich darf man sich über unsachgerechte Kritik verwehren, davon habe ich hier jetzt aber nichts gelesen.

    Nun, wie heisst es so schön, der „Markt“ wird entscheiden.

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