SPIEL 2010 – Subjektive Erfahrungen


Seit ungefähr sieben oder acht Jahren gehe ich regelmäßig mit meiner Frau Sigrid zur Spielemesse in Essen. Liegt ja nahe, ist doch Essen gerade mal 110 Minuten Fahrzeit entfernt (wenn man nicht wieder mal bei Köln im Stau steht). Meine Eindrücke waren stets: Enge, Hitze, schmerzende Beine, aber dafür auch tolle Einblicke in unzählige neue Brettspiele, Comics und Rollenspiele. Denn gerade der Fantasy- bzw. Rollenspielbereich hat sich in den 90er Jahren (als ich lange Zeit mit Essen pausierte) extrem ausgebreitet. Die Halle 6 ist zugleich die größte Halle während der Spielemesse und war bislang immer voll mit Rollenspielen aller Art. In diesem Jahr begleitete mich Michael Wolf (Stargazer) und dessen Freundin Verena zur Spielemesse.

Ein Beitrag aus der Reihe Kellergeflüster

Wir brachen wie in den Vorjahren am Samstag auf, dem wohl überlaufensten Tag des 4-tägigen Messechaos‘. Da es Michael nicht abwarten konnte, die Rollenspielhalle zu betreten, trennten sich unsere Wege kurz nach dem Eingang. Übrigens hatten wir in diesem Jahr erstmals nicht lange an den Kassen stehen müssen (es war nämlich auch bitterkalt). Diejenigen, die eine Tageskarte hatten, wurden durch eine Lücke im Zaun gewinkt, so dass die Kasse Mitte komplett leer war. Wir waren auch diesmal etwas später als sonst angekommen, so um 11.30 Uhr. Trotzdem hatten wir erstaunlicherweise noch einen Parkplatz im nahegelegenen Gruga-Parkhaus bekommen. Im vergangenen Jahren waren wir dort gleich durchgewinkt und auf einen weit entfernten Parkplatz gelotst worden; von da aus ging’s damals per Shuttlebus zu den Messehallen.

In den Hallen herrschte dann die bekannten drückende Enge. Naja, nicht ganz so stark wie in den zurückliegenden Jahren. Da haben wir uns sehr viel öfter durchquetschen und -boxen müssen. Ich wage mal die Behauptung, dass die Besucherbeteiligung 2010 viel schwächer war als vorher. Das hat für uns, die wir keinen Urlaubstag für die SPIEL opfern wollten, natürlich einen klaren Vorteil: Der Besuch wird selbst am überlaufenen Samstag erträglich. Und natürlich waren wir bestens vorbereitet: Stabile Stofftaschen im Gepäck, dazu Getränke und jede Menge Sandwiches. Reicht eigentlich.

 Unsere Route durch die Hallen ist durch die „Tradition“ vorgeschrieben und wird in aller Regel nur in Details verändert. Zunächst Brettspiel, dann Rollenspiel, dann Comics, dann wieder Brettspiel. Zwischendurch einen Abstecher zum Luftschnappen in die Galeria mit den großen Aktions-/Kinder-Spielen. Das dauert in aller Regel ca. 2 Stunden. Unterwegs werden zahlreiche Notizen gemacht und Preise verglichen, so dass man in den weiteren 2 Stunden Aufenthalt noch mal gezielt zu einzelnen Ständen gehen kann (dann wird die Route chaotisch). Nach 4 Stunden ist in der Regel das mitgebrachte Geld alle, und bevor man in Versuchung gerät, den Geldautomat aufzusuchen, fahren wir lieber schnell nach Hause.

 Wie üblich trafen wir auch gute Bekannte aus der Heimat. Man unterhält sich, verabredet sich, und trifft sich dann erst wieder ein Jahr später … auf der Spielemesse. So ist das eben.

 Fester Anlaufpunkt ist für mich natürlich auch immer der Pegasus-Stand. Der präsentierte sich belagert wie eh und je – und bis ich mich nach vorne durchgearbeitet hatte, vergingen einige Minuten. Eigentlich wollte ich mein Belegexemplar für die neue Cthuloide Welten #19 abholen. Dafür hatte ich das Abenteuer „Der tiefe Fall des Dr. Erben“ verfasst und war besonders stolz darauf, dass das Abenteuer mit einer Illu die Titelseite der CW#19 schmückt. Leider gab es aber dummerweise gerade für die CW keine Belegliste auf der Messe, so dass ich diesmal auf die Postzustellung warten muss. Mein Schmerz hielt sich angesichts der neuen Bandes „Die Berge des Wahnsinns“ der neuen dreiteiligen Mega-Kampagne in Grenzen. Das versprochene Expedition-Pack war leider nicht mehr auf der Messe zu bekommen. Man hat mir jedoch versichert, dass man es noch bei Pegasus nachbestellen kann.

Mit Frank Heller, Chefredakteur der Cthulhu-Linie, wechselte ich noch ein paar Worte, aber man konnte ihm die Strapazen der bisherigen Tage ansehen. Ich frage mich immer, wie Frank es schafft, bei der immensen Lautstärke im Saal noch mehrere Spielrunden pro Tag anzubieten. Ich würde das nicht aushalten.

Am Brettspiel-Stand von Pegasus traf ich kurz auf Chrissi Frerichs. Während er mit mir redete, verkaufte er gleichzeitig an andere Kunden drei oder vier Spielboxen – hier war wirklich die Hölle los! Ich hatte ihn auf der Cthulhu Convention kennengelernt und ein beim abendlichen Whisky-Tasting über die Möglichkeiten geplaudert, in der Villa Konthor (Limburg) ein Whisky-Cthulhu-Special durchzuführen. Die Location bietet sich förmlich dafür an: Deutsche Whisky-Bar 2009, uriger Gewölbekeller, Mitte Deutschland. Ich hoffe, daraus wird im nächsten Jahr was.

 Ein wenig musste ich Pegasus abtrünnig werden. Vor kurzem hatte ich über Michael Wolf Kontakt zum Uhrwerk-Verlag, vor allem zu Christian Kennig aufgenommen. Auf der Spielemesse wollte ich natürlich unbedingt das neue Dungeonslayer 4 abstauben. Christian erkannte mich anhand meines Facebook-Fotos (kaum zu glauben) und schrieb mir sogar noch eine nette Widmung in mein DS4-Buch. Für einen Spieleautor, die bisweilen zu einer gewissen Überheblichkeit neigen (ich will mich dabei gar nicht ausschließen), zeigte er sich unglaublich nett, unaufdringlich und zuvorkommend. Auch wenn ich nur ein paar Minuten mit ihm sprechen konnte, so hat das doch einen tiefen Eindruck hinterlassen. Leider kam ich nicht an Patric Goetz (Verlagsleiter Uhrwerk-Verlag) ran. Dabei wollte ich ihm doch dafür danken, dass er beim Facebook-Spiel Frontier Ville immer so treu mein Homestead besucht (Howdy Pardner!).

Ansonsten muss ich leider gestehen, dass mich die Halle 6 eher enttäuschte. Vor einigen Jahren noch gab es 2, vielleicht 3 Stände mit LARP-Artikeln, heute bestand gut die Hälfte der Halle (gefühlt!) aus LARP-Ständen. Die sind ja ganz nett anzusehen und gehören sicher auch dazu. Aber für mich als P&P-Veteranen wurden sie dann doch zu aufdringlich. Reine P&P-Stände waren dann auch Mangelware, genauso, wie sich das Tabletop-Angebot stark zurückgezogen hatte. Ich weiß nicht, woran das liegt: Ob die Wirtschaftskrise die Rollenspiel-Verlage erreicht hat? Oder ob gewisse Verlage aus anderen Gründen wegbleiben? Fachmann Michael mit seinen internationalen Kontakten könnte hier sicher noch tiefgreifendere Thesen aufstellen. Es fiel mir auf, dass auch gerade internationale Verlage die Spielemesse zusehends meiden. Wenn man dann aber an einen Pegasus-Stand kommt, der wie eh und je von den Massen belagert wird, dann kann ich nicht so recht an einen breiten Niedergang der Branche glauben. Naja, das Rollenspielangebot ist auf der SPIEL ja auch eher Nebenzweck.

 Die große bunte Welt der (Brett-) Spiele steht einfach im Vordergrund. Nachdem ich im August von Freunden das Dominion-Basisspiel geschenkt bekommen hatte, kam ich mit dem festen Ziel zur Messe, ein Ausbau-Set für Dominion zu erwerben. Für 22 Mücken erstand ich dann auch Dominion Seaside. Das war jedenfalls meinen Notizen zufolge der günstigste Preis, wobei ich aber den Verdacht habe, dass illegale Preisabsprachen echte Schnäppchen verhindern. Früher fand man immer noch den einen Stand, der das gesuchte Spiel um 1 – 2 Euro billiger verkaufte als der Rest. Diesmal suchte ich vergebens.

 Sigrid fand Gefallen an einem kleinen Kartenspiel namens Labor-Chaos (fragt mich nicht…). Und außerdem erstand sie 3 Jonglierbälle, die dann auch zuhause gleich mit den Zimmerpflanzen auf Tuchfühlung gingen. Schon vor einigen Jahren nahmen wir uns fantastisch geformte Holzstäbchen (für chinesisch essen) mit; in diesem Jahr wurde die Sammlung erweitert. Auch eine Holzkatze und zwei bunte Halstücher kamen als Goody dazu (was das mit Spiel zu tun haben soll… keine Ahnung).

 An einem kleinen, etwas abseits gelegenen Stand, nahmen wir Kontakt mit einer uns bis dato unbekannten Gruppe von Krimi-Dinner-Designern auf (wie hießen die noch? Namen sind wie Schall und Rauch…). Die kamen recht sympathisch rüber, schon weil man für die Krimi-Dinners mit einer wechselnden Zahl an Spieler (z.B. 6 – 10) auskommt, während die etwas professionelleren Leute von Krimi total leider immer exakt feststehende Gruppenzahlen voraussetzen. Das macht die Planung eines Krimi-Abends schwierig.

Sigrid erwarb dann auch wieder ein schönes Puzzle mit einem Werk von Picasso für 10 Euro. An dem Puzzle-Stand sind wir seit Jahren Stammgäste (er hat sich auch seitdem kein bisschen verändert, sieht man von den Puzzle-Angeboten ab).

Dieses Mal hatte ich mich leider nicht über das Spiel des Jahres informiert. Das sollte sich rächen, denn im Gegensatz zu früheren Jahren wurde das Spiel des Jahres nicht mit einem eigenen, großen Stand promotet (oder ich war einfach blind und taub). Ich muss gestehen, dass ich bis jetzt nicht genau weiß, was eigentlich Spiel des Jahres wurde… Mir ist jedenfalls nichts aufgefallen.

Ein Abstecher zu 2F-Spiele ist eigentlich auch jedes Jahr Pflicht. Nachdem wir einige Jahre eigentlich immer ein Spiel von Friedemann Friese mitgenommen hatten, wurde der Reiz in den vergangenen Jahren immer geringer (man muss aber auch sagen, dass wir privat immer weniger Brettspiele spielen, vielleicht noch 4 bis 5 Mal pro Jahr; wenn man sich im Freundeskreis trifft, kommen Rollenspiele auf den Tisch). Auch diesmal streiften wir den Eck-Stand von 2F nur kurz; er war wie immer stark belagert, aber die ausgestellten neuen Spiele rissen mich zumindest optisch nicht vom Hocker.

In der Comic-Halle ging ich kurz vor Schluss nochmal auf Schnäppchenjagd. Fündig bin ich geworden, doch leider zeigte ein Blick ins Portemonnaie, dass das Schnäppchen warten muss. Bis zur nächsten Comic Action 2011.

Fazit: Meinem Gefühl nach zu urteilen, gehört die SPIEL 2010 zu den schwächeren Jahrgängen. Ich bin mir nicht ganz sicher, woran das liegt, aber mir scheint, dass auch gerade im internationalen Bereich die Wirtschaftskrise nachhaltig eingeschlagen hat. Der Abwärtstrend im Rollenspielsegment ist bedauerlich; hoffentlich handelt es sich nur um eine vorübergehende Erscheinung. Ansonsten scheinen die Stände (auch gerade in Halle 6) immer größer zu werden; man kann sich besser bewegen (Plus-Punkt), aber dafür fehlt’s an Vielfalt (Minus). Dafür gibt’s jetzt deutlich mehr Fressbuden (vor einigen Jahren noch gab’s nur einen einzigen Imbiss-Stand auf der ganzen Messe). Ob die Fressbuden als Füller herhalten mussten? Jedenfalls wurde mir der scharfe Geruch nach Fritierfett und angebranntem Waffelteig in einigen Hallen zu penetrant. Schmeißt die raus und bringt mehr Spielestände rein!

Advertisements

5 Kommentare zu “SPIEL 2010 – Subjektive Erfahrungen”

  1. Meine Theorie bzgl. der wenigen internationalen Rollenspielverlage auf der SPIEL:

    – Die SPIEL ist und war nie eine Rollenspielmesse. Das Pen & Paper – Hobby spielt nur eine untergeordnete Rolle

    – Viele Publisher stammen aus den USA und sind dann eher auf Gen Con und/oder Origins vertreten

    – Gerade wegen des wieder recht starken Euros ist Deutschland für Verlage aus UK oder USA recht teuer

    – Ich kenne die Verkaufszahlen nicht, aber ich vermute, dass sich in Deutschland deutschsprachige Spiele besser verkaufen als englischsprachige. Warum soll man also nach Deutschland kommen, wenn die Zielgruppe so klein ist?

    – Mit der Role Play Convention in Köln gibt es eine Konkurrenz, die eher auf die Zielgruppe abgestimmt ist

    Just my two cents …

  2. Spiel des Jahres ist das Assoziationsspiel DIXIT geworden. Ich bin maßlos enttäuscht und auch ein wenig ärgerlich, weil die Jury mal wieder eine unverständliche Entscheidung gefällt hat. Das Spiel transportiert die Spielidee von Äpfel zu Äpfeln (das du als Pegasus-Fan kennen könntest?) und dem Ravensburger-Klassiker Nobody is perfect hinüber zu Bildern. Geht es in Äpfel zu Äpfeln um textliche Assoziationen, arbeitet Dixit mit Bildern im Kinderbuchstil.

    Die Spielidee ist also alles andere als neu!

  3. O, danke für den Hinweis mit DIXIT. Das hatte ich tatsächlich nicht mitbekommen und auch nicht erwartet! Ist mir wohl auch deswegen nicht aufgefallen.

    @Michael: Du warst aber auch die letzten Jahre nicht auf der Messe. Da lief in punkto ROllenspiel weitaus mehr und es waren auch viele internationale Anbieter anwesend.

  4. Wenn man nur die „großen“ P&P Verlage besucht, werden die kleinen auch bald kaum noch einen Grund haben dort zu sein. (Ich nehme mich mal nicht aus.)

    Meine These: Der Markt konzentriert sich.

  5. Hi

    wir waren letztes Jahr auf der Spiel und ich hatte den gleichen Eindruck im Vergleich zu vor „mehreren“ Jahren. Bis auf den Umstand das mir die vielen LARP-Sachen natürlich gut gefallen haben…

    Die Messe wird kleiner.

    Gruß Bernd

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s